Immer die Vollpfosten: Ein Tag im Leben eines Lesers der WELT

Ich war am Wochenende mit meiner Frau in Oberstdorf. Wir wollten im Oberallgäu zwischen Kuhglocken und Bergkäse die Seele baumeln lassen und über die nächsten großen Pläne nachdenken. Abseits des unappetitlichen Nachrichtenstroms, der täglich über uns alle hereinbricht, geht das Abschalten wohl am besten – dachten wir. Allerdings habe ich gleich am ersten Tag einen Fehler gemacht. Vor dem Frühstück zog ich in der Lobby des Hotels aus dem bereitgelegten Zeitungsstapel die Samstagausgabe der WELT heraus. Hätte ich das nur nicht getan. Statt Seele baumeln war eine geschwollene Galle angesagt.

Sie kriegen es einfach nicht gebacken, unsere Leitmedien, selbst die WELT nicht, die unter
Stefan Aust dem Einheitsbrei des Mainstreams adé sagen wollte. Sie hat es nicht geschafft. Die WELT (inklusive „Welt Kompakt“) verlor im dritten Quartal 2016 laut IVW-Zahlen gegenüber dem Vorjahr bei der verkauften Auflage 5,3 Prozent. Bei den Abos ging es mit elf Prozent noch deutlich schärfer bergab.

In einem großen Interview mit dem Chef-Ökonom des US-Außenministeriums, Daniel Ahn, beleuchtete die Zeitung am Samstag unter anderem die Wirkung der Russland-Sanktionen. Sie gab gleich im Vorspann den Blick darauf frei, wie abhängig sie sich von der Sichtweise ihrer offiziellen Quellen macht und damit den Wert der Informationen, die sie dem Publikum serviert, schmälert.

Daniel Ahn sagt selbst in dem Interview zu seiner Arbeit, sie diene dazu, „die Außenpolitik auf der Basis der Ermittlung von exakten Daten zu unterstützen.“ Das ist ein Top-Experte, der für die Regierung Obama arbeitet. Die Aufgabe dieses Mannes ist es, gegenüber der Öffentlichkeit die Lage der Wirtschaft so darzustellen, wie sie wahrgenommen werden soll und nicht, wie sie sich wirklich darstellt. Trotz dieser Tatsache wird der Ökonom den Lesern der WELT als jener Mann vorgestellt, der mit seinem Team „die wahren Auswirkungen (der Sanktionen) ermittelt.“

Mit ihrer Fixierung auf offizielle Quellen hat sich die gesamte Medienzunft bei großen Themen und
Ereignissen wie dem Kollaps des Neuen Marktes ab 2001 und der Finanzkrise 2008 restlos blamiert und gezeigt, dass sich ihr Publikum im Zweifelsfall nicht auf sie verlassen kann. Ähnlich blamiert haben sich die deutschen Medien auch bei der Einführung des Euro, den sie systemtreu durchgewunken haben sowie bei der Schengen-Erweiterung Ende 2007, als versprochen wurde, fallende Grenzen würden auch die Sicherheit der Menschen verbessern. Nur vier Monate später musste der Spiegel – wie viele andere Blätter – zugeben: „Weniger Stau mehr Klau.“

Die WELT thematisierte am Samstag im Wirtschaftsteil auch das Debakel, das CETA in dieser Woche erlebte. Auch hier wird wieder die Fixierung auf offizielle Quellen deutlich. Mit Bezug auf EU-Gipfelpräsident Donald Tusk wurden in dem Bericht Warnungen „führender Politiker“ ins Feld geführt um zu zeigen, dass Europa wegen seines Rückziehers „Glaubwürdigkeit“ verliere.

Nirgends wurde jedoch in dem Text darauf hingewiesen, dass es jene Politiker selbst sind, die CETA nie ausführlich und überzeugend erläutert haben, deren Glaubwürdigkeit nun verloren geht. Hätten sie beizeiten für deutlich mehr Transparenz gesorgt und die unüberhörbar geäußerten Bedenken nicht nur im Wahlvolk, sondern auch bei Globalisierungsgegnern und Gewerkschaften vernommen und gewürdigt, wäre ein solcher Rückschlag vielleicht ausgeblieben.

Doch anstatt diesen Zusammenhang zu beleuchten, wurde in dem Beitrag der WELT („EU will Ceta retten – und scheitert prompt“) die „fassungslose Reaktion“ der kanadischen Unterhändler auf das strikte Njet der Wallonen geschildert.

Das Fazit der Autoren macht dann sprachlos: „Am Ende allerdings droht Ceta am Widerstand einer kleinen belgischen Region mit 3,5 Millionen Einwohnern zu scheitern.“ Im Klartext: Die Wallonen waren es. Keinerlei Hinweis darauf, dass sich in den vergangenen Monaten eine immer breitere Front gegen das Handelsabkommen gebildet hatte.

Derartige unberechtigte und einseitige Schuldzuweisungen haben wir als kritische Leser in den vergangenen Monaten im deutschen Blätterwald zur Genüge kennengelernt, als aus friedlich demonstrierenden Bürgern ein „Pack“ wurde, als die Deutschen wegen ihres Widerstands gegen TTIP zum Fall für den Psychoanalytiker erklärt wurden (übrigens auch von der WELT), oder wenn die Sachsen als „Beweis“ für den Rechtsruck in Deutschland herhalten mussten.

Die Welt befasste sich in der Samstagausgabe auch mit der wachsenden Angst der Deutschen in öffentlichen Räumen, insbesondere auf deutschen Bahnhöfen („Auf Bahnhöfen ist die Angst vor Gewalt am größten“). Der Beitrag beginnt auch hier mit einer offiziellen Stellungnahme, die wie in Stein gemeißelt als Tatsache hingestellt wird: „Bahnchef Rüdiger Grube und sein Sicherheitschef Hans-HilmarRischke widerholen es immer wieder. Bahnanlagen und Züge sind sichere Orte.“

Gleich in diesem einleitenden Absatz wird aber auch geschildert, dass der Sicherheitsdienst der Bahn „ständig aufgerüstet“ und Mitarbeiter sowie Bundespolizisten mit Bodycams, Pfefferspray oder Hunden ausgerüstet werden. Wieso das dann sichere Orte sind, wird nicht gefragt. Als hätte es die Berichte der vergangenen Wochen über rechtsfreie – und weitgehend aufgegebene – Räume in großen deutschen Bahnhöfen wie in Frankfurt nie gegeben, schiebt der Bericht den Hinweis nach, die Bahn könne „anhand von Zahlen belegen“, dass „Bahnhöfe und Züge insgesamt keine Brennpunkte von Kriminalität“ seien. Die Schlussfolgerung in dem Bericht lautet daher unter Bezugnahme auf eine neue Umfrage des Meinungsforschers „YouGov“, die Deutschen hätten „absonderliche Ängste.“

Wer so an seinem Publikum und an den Fakten vorbeischreibt, sich stattdessen auf das verlässt, was Behörden den Redaktionen auf dem Silbertablett darreichen und dann nicht hinterfragt, muss sich über die massenhafte Flucht des Publikums nicht wundern.

In einem Essay im Abschnitt „Forum“ zum Thema „Demokratie und Dummheit“ wundert sich in dieser WELT-Ausgabe dann auch noch Hannes Stein, dass ein Kerl wie Donald Trump „auch nur in die Nähe des Weißen Hauses gelangen“ konnte. Nach dieser Frage verwendet er zwei Drittel der verfügbaren Zeitungsseite darauf, zu erklären, wie unwissend und ahnungslos junge Amerikaner, aber auch Deutsche sind.

Dass Donald Trump der zur Leitfigur gewordene Mittelfinger von Millionen enttäuschter Amerikaner ist, die sich von der politischen Klasse in Washington nicht mehr repräsentiert, von „ihren“ Medien falsch informiert und von den 1% ausgenommen fühlen, darauf geht dieses Essay nicht ein. „Dumme, dumme Amis“, ist das, was wir von dem Artikel „lernen.“ Dass in wenigen Tagen eine – vielleicht die größte – Protestwahl der US-Geschichte stattfindet, das wird unter den Teppich gefegt, denn deutsche Leser könnten sich ja fragen, ob es hierzulande eine ähnliche Fragestellung gibt, wenn im kommenden Jahr die Bundestagswahl stattfindet.

Aber verunsichern wollen wir die Deutschen ja nicht, wie schon Innenminister de Maiziere nach der überraschenden Absage des Fußball-Länderspiels im November 2015 sagte, als er begründen musste, dass er einige Fragen nicht beantworten wollte. Lassen wir das einfach mal offen, die Dumpfbacken da draußen im Lande verstehen es ohnehin nicht, soll das wohl heißen.

Selbst wenn diese üble und kollektiv ausgesprochene Diffamierung der Deutschen stimmen würde: Dann müssten sich doch die Medien fragen, ob sie bei ihrermInformationsauftrag komplett versagt haben. Aber auch das findet nicht statt.

2 Gedanken zu „Immer die Vollpfosten: Ein Tag im Leben eines Lesers der WELT

  • 24. Oktober 2016 um 15:12
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    Sehr gut beobachtet, Herr Gärtner,
    das Nahezu-Komplettversagen der Mainstream-Medien ist schon bedrückend und gleichwohl kann man nicht umhin, den Niedergang der verkauften Auflage mit gewisser Schadenfreude zu begleiten. Als ich letzthin von den Schwierigkeiten der Berliner Zeitung las, dieselben gemischten Gefühle: Ich hatte diese Zeitung bis April 2014 über 12 Jahre gelesen. Dann aber reichte es mir: Das Putin/Sotchi-Bashing und die Ukraine-Berichterstattung ließen mich die Reißleine ziehen. Ein langer, begründeter Kündigungsbrief blieb selbstverständlich unbeantwortet.
    Ich denke, alle, die heute eine gedruckte Zeitung kündigen und auf’s Tablet umsteigen, werden nie wieder zur Zeitung zurückkehren. Auch weil sie hier (Tablet/elektronisch) die Alternativ-„Presse“ finden. Selten hole ich noch einmal eine gedruckte Ausgabe, Samstags zu den Brötchen. Es ist schade ums Papier – und eine Papierausgabe fühlt sich jetzt an wie „Telefonzelle“ oder „Schreibmaschine“.

    Beste Grüße!
    Und nehmen Sie sich das nächste Mal eine schöne Zeitschrift zum Frühstück! Nichts Ernstes!

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  • 24. Oktober 2016 um 19:43
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    „Sanktionen funktionieren nur, wenn alle mitmachen“
    Da hat er tatsächlich Recht: Russland macht nicht mit, sondern sucht sich andere Partner auf der Welt -> die Sanktionen funktionieren nicht mahr

    Antwort

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