Hier kommt die Fake News des Jahres 2017

Das dürfte die Fake-News-Bombe des Jahres werden, und sie breitet sich auch in deutschen Leitmedien heute früh aus wie ein Lauffeuer. Der Kreml soll mindestens fünf Jahre lang Informationen über Donald Trump, auch über dessen sexuelle Vorlieben, gesammelt haben, und ihn damit erpressen können. Wenn es nicht so traurig und eine so vielsagende Begebenheit zum Thema Fake News wäre, mit dem die politische Kaste und der mediale Deutungs-Adel hierzulande gerade versuchen, ein Wahrheitsministerium einzurichten und unliebsame Informationen im digitalen News-Orbit zu verhindern, hätte ich das nicht aufgegriffen. Aber es ist interessant, den Weg dieser Information zu verfolgen und zu sehen, was deutsche Medien heute früh daraus machen.

Relativ offen und kritisch hat über den Skandal der britische Guardian berichtet, der heute thematisiert, dass diese „unbelegten Berichte“ eine „ethische Frage“ aufwerfen. Die Info-Webseite BuzzFeed berichtete am Dienstag – 10 Tage vor der Amtseinführung von Donald Trump: „Ein Dossier, das von einer Person zusammengetragen wurde, die sich als ehemaliger britischer Geheimdienstmitarbeiter bezeichnet, beschuldigt Russland, kompromittierende Informationen über Trump zusammengetragen zu haben. Die Beschuldigungen sind unbewiesen und der Bericht enthält Fehler.“

Klasse. Und dieser Mist wird als große Breaking-News-Geschichte prominent aufgehängt, sodass keine andere Publikation ihr entrinnen kann.

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Dass diese dubiosen – weil unbewiesenen – Informationen in Washington seit Wochen kursieren, und deshalb bisher nicht an die Öffentlichkeit gelangten, erfahre ich heute früh in einem ersten Suchlauf nur im genannten – und oben verlinkten – Bericht im Guardian.

Dass BuzzFeed damit kam, zwingt alle anderen großen Publikationen, nachzuziehen und etwas zu diesem Thema zu bringen.

Ich kenne diesen Mechanismus aus der Mitte der 90er Jahre, als ich für die ARD im Hörfunk als Finanzkorrespondent in Frankfurt arbeitete. Da fragte ab 1993 Reuters ständig den damaligen Bundesbankpräsidenten Hans Tietmeyer, ob der Zentralbankrat beim nächsten Treffen die Zinsen verändern werde. Tatsächlich kam zu dieser Zeit eine Serie viel beachteter und diskutierter Leitzins-Senkungen in Gang.

Tietmeyer antwortete stets wahrheitsgemäß und ehrlich: Sie wissen doch, ich kann nichts ausschließen. Darauf lauteten die Schlagzeilen meistens: Tietmeyer schließt Zinssenkung nicht aus. An den Kapitalmärkten und in der breiten Öffentlichkeit klang das dann schon in vielen Ohren wie eine halbe Ankündigung.

Und genau so wurde aus den äußerst windigen und völlig unbelegten „Nachrichten“ über das angebliche Russen-Dossier zu Trump folgende Schlagzeile bei Focus: „US-Geheimdienste berichten: Moskau hat belastendes Material gegen Trump.“

Und im ersten Absatz des Online-Berichtes bei Focus heißt es dazu: „Die russische Regierung soll nach einem US-Medienbericht kompromittierende Informationen über den künftigen US-Präsidenten Donald Trump in der Hand haben. Das geht aus einem Memo der US-Geheimdienstchefs hervor. Sowohl Obama, als auch Trump wurden informiert.“ So, so, in der Hand halten. Und Memo der US-Geheimdienste: das klingt ja verdammt nach einer schlagzeilenverdächtigen Enthüllung.

Und bei Spiegel Online lesen wir die Schlagzeile: „US-Geheimdienste sollen Trump vor Russland-Erpressung gewarnt haben.“ Abgesehen davon, dass die „Russland-Erpressung“ bei mir im Ohr wie ein Fakt kleben bleibt, entsteht auch der Eindruck: Wow, da wird gerade ein dickes Ding aufgedeckt, da hat Trump richtig Mist an der Backe, und die Geheimdienste hält das auf Trab.

Im SPON-Bericht steht dazu weiter: „CNN meldete es zuerst, gefolgt von der „New York Times“, der „Washington Post“, dem „Wall Street Journal“ und anderen: Barack Obamas designierter Nachfolger Donald Trump sei von den US-Geheimdiensten gewarnt worden, dass Russland allem Anschein nach „kompromittierendes Material“ über ihn besitze, um ihn „zu erpressen“. Diese „unverifizierten“ Erkenntnisse stammten zwar nicht von den Amerikanern selbst, sondern aus einer britischen Quelle, seien aber „so explosiv“, dass man nicht nur Trump unterrichtet habe, sondern auch Obama und Mitglieder des Kongresses.“

Und dann wird das Ganze als außerordentliche Enthüllung verkauft: „»Das ist eine außerordentliche Entwicklung«, sagte Reporterlegende Bob Woodward von der »Washington Post«, der den Watergate-Skandal mit enthüllt hatte, auf CNN. Doch noch fehlen zufriedenstellende Antworten auf viele Fragen.“

Im Guardian erfahren wir, dass die Dokumente seit Wochen kursieren, auch in einigen Redaktionsstuben, und dass sie bisher zurückgehalten wurden, weil die Informationen völlig unbelegt sind. Sie erhielten lediglich neue Brisanz, weil laut CNN (Dienstag) die US-Geheimdienst-Chefs in der vergangenen Woche Trump und Obama eine zwei Seiten lange Zusammenfassung der Dokumente ausgehändigt haben sollen.

In den Papieren sind jedoch „einige klare Fehler“ enthalten, wie der Guardian belegt. Und US-Senator John McCain, der FBI-Direktor James Comey im Dezember eine Kopie ausgehändigt hatte, hielt die Infos ansonsten zurück, weil sie nicht überprüfbar sind.

BuzzFeed-Chefredakteur Ben Smith verteidigte den Bericht auf seiner Webseite inzwischen mit dem Hinweis, es handle sich um einen Akt journalistischer Transparenz in einer parteilich sehr gespaltenen Zeit. Die Dossiers zu veröffentlichen, reflektiere, wie man in seinem Hause die Aufgabe von Reportern im Jahr 2017 sehe. Smith wiederholte bei diesem denkwürdigen Auftritt die Warnung zu dem umstrittenen Bericht, es gebe „ernsthafte Gründe, die Anschuldigungen zu bezweifeln.“ Aha, wenn die „richtigen“ mit einer unbewiesenen Behauptung daherkommen, dann ist das „Transparenz.“

Und der Washingtoner Bürochef von Mother Jones, David Corn (siehe Screenshot), tweetete: „Selbst Donald Trump verdient journalistische Fairness.“

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Doch dafür ist es jetzt viel zu spät, der Schaden ist eingetreten, die Story hat eine mächtige Wucht und Eigendynamik erlangt und beherrscht am Mittwoch die Schlagzeilen.

Und sie passt prima ins Bild der seit Wochen – ebenfalls ohne Belege – verbreiteten Behauptung, die Russen hätten sich mit Hacks die berüchtigten eMails aus der Clinton-Kampagne ergattert und damit den US-Wahlkampf beeinflusst oder gar entschieden. Seitdem lesen wir in deutschen Medien regelmäßig die auf dieser unbewiesenen Geschichte aufbauende Warnung, der Kreml werde, oder könne sich auch in den Bundestagswahlkampf 2017 einschalten.

Meine dämliche Frage dazu lautet: Warum stellen sich die deutschen Leitmedien eigentlich freiwillig so ein miserables Zeugnis aus, indem sie den Eindruck erwecken, Putin könne so etwas gelingen (selbst wenn er es wollte), wo unsere Publikationen doch so wachsam, aufgeklärt und gewarnt sind über die bösen Russen?

6 Gedanken zu „Hier kommt die Fake News des Jahres 2017

  • 11. Januar 2017 um 9:24
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    Es ist derart offensichtlich, dass man von den „News“ zu Clinton und Obama ablenken möchte. Zu Clinton sind ja bekanntlich jede Mails einsehbar, die deren seltsame Handlungen belegen, wie auch deren Preverenzen zu ihrem Sexualleben. Obamas Glaubwürdigkeit ist fast 0,0 nach dem seine gefälschte Geburtsurkunde von Forensikern als eine klare Fälschung festgestellt wurde und seine Geburt in Mombasa, Kenya bestätigt ist.
    Zu den Behauptungen zu Trump und den Russen fehlen jedoch die Beweise.

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  • 11. Januar 2017 um 11:33
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    Lügenmedien eben – hat irgend jemand etwas anderes erwartet, im Ernst?

    Antwort
  • 11. Januar 2017 um 14:06
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    Ohne meckern zu wollen, aber: wenn man mal eben schnell einen Kommentar in die Tasten hämmert kann sich schon mal der eine oder andere Fehler (rechtschr. wie gramat.) einschleichen. Die Wenigsten stören sich daran.
    Wenn man allerdings einen Artikel verfaßt, sollten Rechtschreibung und Gramatik doch schon etwas mehr Respekt gezollt werden. Meint ihr nicht auch?
    Auch wenn man den letzten Satz schon als Frage benamst, sollte man ihn dann auch mit einem Fragezeichen beenden. Oder?

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    • 11. Januar 2017 um 20:21
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      DANKE für den Hinweis, wenn Sie weiter nichts zu „meckern“ haben, bin ich recht zufrieden.

      Antwort
  • 11. Januar 2017 um 15:11
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    Das zeigt doch nur, welch wiederliche Menschen der Putin und der Trump sind, und welch großes Glück wir mit unseren Politikern, allen voran mit unsere Bundeskanzlerin haben! Die verteidigt jetzt ganz alleine die westlichen Werte gegen diese wiederlichen Typen!

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  • 11. Januar 2017 um 19:27
    Permalink

    Bei den Mainstream Medien liest man viel über Fake News und wie nötig es für den Staat sei, mit Zensur einzuschreiten aber nichts über den Inhalt der geleakten Clinton mails – wie diese:

    „Germany’s Übergutmenschen get their death wish: Over 7 million LUMPEN MIGRANTS (!) “ „German government statistics make it
    abundantly clear that the Muslim newcomers are oh-so unemployable, although
    many of them will undoubtedly thrive in one profession“

    oder diese:

    „It’s difficult NOT to picture Merkel in the padded-cell section of a funny farm under heavy sedation and in an industrial-strength straitjacket. Time was when it took a goodly number of nukes to wipe out Europe. All you need now is one BLÖDE KUH (!) with a Wiedergutmachung complex.“

    Clinton über Merkel.

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