Auswandern: Warum das deutsche Schulsystem nicht so schlecht ist, wie es aussieht

Flickr Commons, Alan Levine
Flickr Commons, Alan Levine

Vor kurzem hat eine Bekannte in Kanada ein Video von der Sendung mit Markus Lanz vom 13.3.2013 gepostet, wo es auch unter anderem um die Schule von heute geht. Da kam dann auch Katerina Jacob, Schauspielerin, zu Wort mit dem Hinweis, dass ihr achtjähriger Enkel in Kanada zur Schule geht und man da ganz anders auf die Kinder eingehe (glückliches Kind……)…..

Dazu meine Erfahrung:

Wenn man die letzten Pisa-Studien betrachtet, denkt man schnell, dass Kanada ein super Schulsystem hat, zumindest besser als in Deutschland. Glaubt mir, keiner von Euch möchte seine Kinder in Shanghai, Hongkong oder Singapur zur Schule schicken, die bei der Pisa Studie 2012 ganz vorne lagen. Wenn man von morgens bis abends gedrillt wird, dann ist das auch kein Wunder. Man sollte auch vergleichen, wie lange die Kinder in der Schule sitzen und ob ihnen die Schule Spaß macht.

Der Spaß-Faktor wird in Kanada in der Grundschule (Elementary School) groß geschrieben „let’s have
fun“. Und wo sie unbestritten am besten sind, ist die Integration von nicht englisch-sprachigen Schülern in das Schulsystem. Jeder, in welcher Klassenstufe auch immer, wird in Unterrichtsfächern wie Kunst etc. herausgenommen und in sogenannte ESL (English as a second language) Klassen oder Gruppen getan. Das hilft den Schülern, schnell die Sprache zu erlernen, ohne dass die Eltern zuhause mit teurem Nachhilfeunterricht belastet werden oder das ganze etwa alleine organisieren müssten.

Das gleiche gilt auch für Kinder mit Lernschwächen. Ich bin selbst in die Schule meiner Kinder gegangen, um Unterstützung beim Lesen zu geben. Das Buch „Your child’s growing mind“ von Jane Healy fand ich sehr hilfreich, um zu erkennen, dass nicht jedes Gehirn gleich schnell wächst. Ein Kind, das erst in der 3. Klasse lesen kann ist nicht dümmer als eines, dass bereits mit 5 Jahren lesen kann.

Schüler mit Lernschwächen werden in Kanada durch das ganze Schulsystem von K-12 unterstützt. Das kann man von uns hier in Deutschland nicht behaupten. Es hat sich zwar schon vieles verändert, wie zum Beispiel, dass unser Sohn in die gleiche Klasse im Gymnasium gehen konnte, wie in Kanada, aber es hat keinen gekümmert, wie es bei ihm läuft. Unsere Kinder sind in Vancouver samstags nicht in die deutsche Schule gegangen und hatten weder Übung im Lesen noch Schreiben. Man hat aber im Gymnasium die Deutschnote erstmal ausgesetzt und ihn unter Berücksichtigung der Umstände bewertet. Das fand ich schon einen riesigen Fortschritt.

Die Inklusion ist im kanadischen Schulsystem sehr weit fortgeschritten und bringt enorme Probleme mit sich. Die Lehrer sind überfordert, autistische Kinder, Kinder mit ADHS und sonstigen Lernbehinderungen und die übrigen Kinder zu unterrichten. Sie haben meist auch keine spezielle Ausbildung dafür. Ich habe selbst mehrere schwere autistische Fälle miterlebt. Diesen Kindern wird eine Betreuerin zugeteilt, die aber keine spezielle Ausbildung dafür hat und häufig selbst überfordert ist. Wenn das Kind zum Schreien oder Schlagen anfängt, dann gehen die Betreuerinnen in einen separaten Raum.

Ich verstehe die Gründe, die hinter der Inklusion stehen, aber gerade bei Autismus bekommen die Kinder keine spezifische Unterstützung und der Rest der Klasse wird in Mitleidenschaft gezogen. Die breite Mitte, die weder Lernschwächen haben noch Überflieger sind bleiben da leicht auf der Strecke. Der Unterricht wird häufig unterbrochen und die Lehrer haben kaum Zeit, sich noch mit dem „Rest“ zu befassen. Bei den vielen Lehrerstreiks, die wir miterlebt haben, war immer wieder eine Forderung der Lehrer, dass sie bessere Unterstützung bekommen bzw. weniger Kinder pro Klasse. Die Theorie ist immer klasse und scheitert dann an der mangelnden finanziellen Unterstützung.

In Kanada weichen dann einige Eltern auf den französischen Zug „French Immersion“ aus, der als eine Form von Privatschule im öffentlichen Schulsystem gesehen wird. Bis zur 3. Klasse erfolgt der Unterricht ausschließlich auf französisch, danach wird Englisch langsam dazu genommen. In der Highschool erfolgt 30% des Unterrichts auf französisch.

Da der französische Teil, zumindest bis vor kurzem, keine finanzielle Unterstützung für Kinder mit Lernbehinderungen erhalten hat, ist natürlich der Notendurchschnitt viel besser. Allerdings ist die Nachfrage so rasant angestiegen, dass nicht mehr genügend Lehrkräfte mit ausreichenden Französisch-Kenntnissen da sind. Nur nebenbei, Kanada hat offiziell zwei Sprachen, ist aber nicht zweisprachig. In der Provinz Quebec wird nur französisch gesprochen und im Rest von Kanada englisch. Unsere Tochter hatte offiziell zwei Stunden Französisch von der 5. bis zur 8.Klasse, war aber nie in der Lage, überhaupt etwas auf französisch zu sagen.

Wir hatten unsere Söhne im französischen Zweig, weil wir uns die Option nach Deutschland zurück zu kehren, offen halten wollten. Wenn das nicht notwendig gewesen wäre, hätte ich es rückblickend
nicht getan. Das Französisch der Lehrer, wenn sie nicht aus Quebec kamen, war zum Teil richtig schlecht. Inzwischen wird auch „Mandarin Immersion“ angeboten und da ich selbst Mandarin in Peking gelernt habe, weiß ich, dass man ohne Drill die Sprache nicht richtig erlernen kann. Zum Schluss sind dann nur noch Chinesen im Unterricht, denen dann allerdings die Grundlage im Englischen fehlt und der Anschluss an die kanadische Gesellschaft. Wo bleibt dann die Integration?

In Kanada wird auch nicht mehr sitzengeblieben. Jeder wird irgendwie durchgeschoben und bekommt dann irgendwie einen Abschluss, mit dem man dann nichts anfangen kann.

Wo bleibt da der Anreiz, sich in der Schule anzustrengen? Im Unterricht heißt es immer so schön „try your best“, was eigentlich so viel heißt wie, ist ja eh egal. Jedem wird vorgemacht, dass er ein Star werden kann, dass jeder das Potential hat, aber spätestens ab der Highschool ist das vorbei. Häufig konnten die Kinder mit irgendwelchen Mal-Projekten ihre Note verbessern, was dann aber spätestens in der Highschool vorbei ist.

In der Organisation von irgendwelchen „Anti-Bullying Events“ sind sie echt klasse. Von Anti-Bullying-Days, über Strategien, wie man Auseinandersetzungen aus dem Weg geht, gibt es viele tolle Veranstaltungen etc. Das Problem fängt allerdings dann an, wenn sein eigenes Kind gemobt wird. Zum Glück habe ich selbst damit kein Problem gehabt, habe aber einige Fälle miterlebt oder von anderen Schulen gehört. Hinter den meisten Kindern, die mobben, stehen Eltern, mit denen man lieber nicht aneinander geraten möchte.

Damit der Schuldirektor/in dem aus dem Weg geht, schickt man das Kind, das gemobbt wird, zum Psychologen! Oder aber man erklärt der Mutter (das ist einer Freundin von mir passiert), dass sie das Wort Mobbing nicht benutzen soll, da sie ja nicht wüsste, was passiert ist. Wenn dieses Wort nämlich nicht auftaucht, dann findet es offiziell auch gar nicht statt. Bei harmlosen Fällen, wo die Eltern nett sind, fährt man alle Geschütze auf, aber bei den wirklich schlimmen Fällen steckt man den Kopf ganz tief in den Sand und hofft, dass die Eltern des gemobbten Kindes ihm zuliebe die Schule wechseln.

Die Elementary School (bis 5. Klasse kann aber je nach Bezirk unterschiedlich sein) ist noch nett, wobei es gute wie schlechte Lehrer gibt wie bei uns. Aber insgesamt werden die Eltern viel mehr eingebunden in Ausflüge, Hilfe im Klassenzimmer etc, was den Kindern auch sehr gefällt.

Middle School (6.-8.Klasse) ist noch nicht sehr anspruchsvoll. Klassenausflüge gehen meist nur ins Kino oder zum Vergnügungspark. Mathematik und Naturwissenschaften finden auf keinem hohen Niveau statt.

Dann kommt die Highschool und plötzlich hat man Fächer semesterweise und wenn, dann täglich. Da kann es passieren, dass man Mathematik ein Jahr lang nicht hat. Wer keine Ambitionen hat, kann seinen High School Abschluss relativ problemlos machen, wer aber studieren will, der muss aufpassen, dass er die notwendigen Fächer und die Noten hat. Das ist von Universität zu Universität unterschiedlich.

Es gibt dafür zwar „Counselors“, die den Kindern helfen sollen, aber die sind zum Teil nicht hilfreich. Da ist man sich dann selbst überlassen. Und weil Kanadier sich ungerne festlegen, bekommt man auch wenig konkrete Aussagen. Beim 3. Kinde hat man es dann geschnallt, aber bis dorthin gibt es einiges Kopfzerbrechen.

Wegen dem enorm hohen Anteil an Asiaten im Großraum Vancouver und anderen kanadischen Großstädten gibt es ganz andere Probleme für die lokalen Kinder. Wer aus Asien kommt, der findet die Schule extrem leicht und mit dem großen Druck der Eltern haben sie überdurchschnittlich gute Noten. Die Notwendigkeit für gute Noten wird von vielen Lehrern gerne heruntergespielt, aber spätestens wenn man an die Uni oder ein College möchte, ist es extrem wichtig. Viele Asiaten kommen auch mit ihren Kindern deshalb nach Kanada, weil sie in dem brutalen asiatischen System nicht mehr mitkommen. Sie haben dann mehr Chancen mit einer englischsprachigen Ausbildung.

Früher konnte man in Kanada auch mit weniger guten Noten ohne Probleme studieren, aber inzwischen ist der Andrang von ausländischen Studenten bei kanadische Universitäten groß. Die Gebühren sind immer noch wesentlich billiger als in den USA. Weil bei ausländischen Studenten das ca. vierfache an Studiengebühren erhoben wird, ist das Interesse der Unis und Colleges groß und die Studienplätze für lokale Studenten immer begrenzter. Das wird inzwischen über den Notendurchschnitt geregelt.

Für viele Lehrer macht es das Leben einfacherer, weil die asiatischen Schüler mit oder ohne ihre Hilfe gute Noten schreiben. Um in Kanada High School Lehrer zu werden, braucht man einen Master und die dazugehörige Lehrerausbildung (ähnlich wie Referendariat). Wer aber einen Master in Englisch hat, der kann auch Mathe oder Physik unterrichten. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein, führt aber leider
häufig dazu, dass die Lehrer den Stoff nicht erklären können.

Die Klassenarbeiten sind alle multiple choice und die Korrektur erfolgt durch eine Maschine. Wenn ein Kind dann den Lehrer fragt, schickt dieser sie zu den älteren Schülern, die sich zu bestimmten Zeiten zur Verfügung stellen. Im Falle von unserer Tochter zu Chinesen, die leider kaum Englisch können…… Rein theoretisch ein gutes System, was aber in der Realität nicht immer so klappt. Was in der High School vollkommen fehlt, ist der Klassenverband. Ab der 9. Klasse gibt es nur noch Kurse. Da fühlt sich auch kaum ein Lehrer mehr für die Kinder zuständig. Klassenfahrten gibt es nicht außer einer überteuerten Europareise in der 12. Klasse, aber nur für die, die es sich leisten können. Das sind auch die Reisen, bei denen Lehrer gerne mitkommen, weil die Kosten der Lehrer von den Eltern bezahlt werden müssen. Das macht in der Schule die Sportangebote zum Teil sehr teuer. Die Kosten der Lehrer für Wettkämpfe werden auch da von den Eltern getragen.

Jedes Kind ist anders und was für den einen gut ist, muss nicht für den anderen auch gut sein. Man kann die Schulsysteme auch nicht so einfach vergleichen. Im übrigen ist es überall gleich. Man kann gute und schlechte Lehrer erwischen, egal wo man sich auf diesem Globus befindet.

Ich ziehe für unsere Kinder das Gymnasium vor, denn zum einen lernen sie wirklich eine Sprache und zum anderen werden sie gefordert. Sie haben das Glück, dass wir ein bilinguales Gymnasium direkt am Ort haben. Auch halte ich persönlich nichts von Multiple-Choice-Tests (in Kanada für die überwiegende Zahl der Fächer).

Was auch immer unsere Kinder später für einen Beruf ergreifen wollen, so haben sie in Deutschland die weitaus bessere Ausbildung. In Nordamerika gibt es keine Lehre und jede Ausbildung muss am College oder an der Universität gemacht werden. Jeder einfache Schein (z.B. Arzthilfe) kostet mindestens 10.000 Can$. Die Ausbildung als Krankenschwester kostet in den vier Jahren über 30.000 Can$, ohne Unterhaltskosten!!! Ganz zu schweigen davon, dass das Studium hier umsonst ist. Als deutscher Ingenieur kommt man immer noch überall auf der Welt unter!

 

 

 

 

6 Gedanken zu „Auswandern: Warum das deutsche Schulsystem nicht so schlecht ist, wie es aussieht

  • 3. April 2016 um 16:09
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    Sehr geehrte Frau Gärtner,

    Ihre Erfahrungen werden sie entsprechend Ihres Artikels gemacht haben. Wir haben das genaue Gegenteil erfahren dürfen.
    Angefangen hat die Schulmisere in Deutschland mit Eintritt meines Ältesten in die erste Klasse. Am ersten Schultag mit stolzgeschwellter Brust und leuchtenden Augen in die Schule gegangen, bereits am dritten Tag war das Feuer in den Augen erloschen und auf die Frage, wie er denn die Schule fände kam die Antwort: viel langweiliger als Kindergarten.
    Trotz einiger Schulwechsel bei nachgewiesener Hochbegabung gelang es keinem der sogenannten Pädagogen in meinem Sohn das Feuer der Wissbegierde wieder zu entfachen, er entwickelte sich im Gegenteil zu einem Schulversager, ständig in Gefahr, sitzenzubleiben.
    Mein Mittlerer formulierte es nach einem Jahr Schule so: ich solle mir keine Angst machen, er würde zwar ab und an eine 5 schreiben, aber das nur, damit er nicht als Streber verschrien würde.
    Bei meiner Jüngsten ( mit Deckenwerten im Sozial Emotionalem Bereich ) wurde mir ein Sonderpädagogisches Fördergutachten für den Bereich der Lernbehinderung nahegelegt, da sie neben ihrer Hochbegabung eine Legasthenie und auch eine Dyskalkulie hat. Da ich mich dagegen verwehrte, verblieb sie in der Eingangsstufe, woraufhin meine Tochter das gesamte Spektrum der Psychosomatik zeigte und sie nach Rücksprache mit dem behandelnen Arzt notfallmäßig die Schule wechselte. In der neuen Schule war vollständiges Unverständnis über das Verbleiben in der Eingangsstufe. Jedoch weder die aufnehmende Schule noch ein hinzugezogener Rechtsanwalt oder die Bezirksregierung konnten die abgebende Schule umstimmen, das Zeugnis zu ändern. Sie musste in der Eingangstufe verbleiben.

    Zu diesem Zeitpunkt brauchte ich eine längere Auszeit ,nahm meine beiden Kurzen mit nach Vancouver. Meine Tochter sprang direkt zwei Klassen und schaffte ein halbes Jahr später die Versetzung mit einem guten Zeugnis. Auf ihre Legasthenie und ihre Dyskalkulie wurde und wird sehr individuell und auch sehr liebevoll eingegangen.

    Mein Ältester wollte zu diesem Zeitpunkt die Mittlere Reife und das Latinum in Deutschland zu Ende bringen. Da er, aus welchen Gründen auch immer, die Atteste und Entschuldigungen für Fehlzeiten nicht abgegeben hatte, wurde jede unentschuldigte Fehlstunde mit 5 gewertet. Nun weist sein Abschlusszeugnis neben jeder Menge schlechter Noten auch 32 unentschuldigte Fehlstunden auf, ein sichereres No Go für jeden potentiellen Arbeitgeber gibt es nicht. Es erfolgte von Seiten der Schule keinerlei Information oder Rückfrage bezüglich der Fehlzeiten eines minderjährigen Schülers. Auch aufklärende Gespräche und die nachgereichten Entschuldigungen ( sie waren als Zieharmonika in seinem Schulranzen ) brachten keine Veränderung des Abschlusszeugnisses. Es wurde also bewußt die Zukunft eines jungen Menschens ruiniert, nur weil man im ( Schul ) recht ist. Ach ja , wie war das nochmals mit den zwei Schulparagraphen?

    Seit meiner Auszeit sind wir in Kanada verblieben. In Deutschland hatte ich gefühlte 100 einbestellte Elterngespräche, wie lästig, anstrengend, fordernd, nicht leistungsbereit… meine Kinder seien. In Vancouver wurde mir nach einer Woche gesagt: it’s a pleasure to work with your children.

    Seither sind drei Jahre vergangen. So lange haben meine Kinder gebraucht, um die Wunden verheilen zu lassen, die durch das deutsche Schulsystem entstanden sind. Hier in Kanada stellt sich kein Lehrer vor die Klasse und brüllt diese an, wie schlecht sie sei, dass die Schüler es wohl nie lernen würden und ähnliche Auswüchse der Demontage. Ab der wievielten Wiederholung verinnerlicht ein Kind das negative Selbsbild?
    Auch gibt es hier ( Kanada ) keine Nachhilfe Industrie, die bereits in der Grundschule dafür sorgen muss, dass der Nachwuchs auf jeden Fall die Empfehlung für das Gymnasium erhält, da ein potentieller Leistungsvorsprung gewahrt werden muss. Hier ist der Lehrer für das Lehren zusändig und bittet uns Eltern ihm mitzuteilen, sollten wir mit den Kindern zu Hause etwas nacharbeiten, damit er über den Leistungsstand des Kindes informiert ist.
    Frei nach dem Motto: in einer Bäckerei liegen nicht aufgegangene Brötchen: wer hat dann Schuld: die Brötchen oder der Bäcker. In Deutschland sind es die Brötchen, in Kanada der Bäcker. In der Association meines Mittleren wurde unlängst über dieses Thema diskutiert: bei einer 5 im Test bekommt das Kind so lange Förderunterricht, bis dass es an das Klassenniveau wieder angeschlossen hat. Bei zwei oder mehr fünfen hat der Lehrer den Stoff schlecht vermittelt, da 10% einer Klasse nicht so schecht sein können.

    Es stimmt, dass am Ende der Highschool etwa ein halbes Jahr Wissen weniger vermittelt wurde als in Deutschland. Da gebe ich Ihnen recht. Die Softskills sind jedoch derart überzeugend, dass sie das fehlende Wissen ( es wird innerhalb kürzester Zeit am College oder an der Uni nachgearbeitet ) mehr als wettmacht.
    Auch werden hier ( Ca ) aus den besten fünf Noten des Abschlusszeugnisses der Schnitt gebildet als Referenz für die aufnehmende Uni. Ein Naturwissenschaftler hat vielleicht keinen Hang zur Geschichte und ein Sprachwissenschaftler tut sich schwer mit der Mathematik. In Kanada werden diese Neigungen berücksichtigt, so dass es nicht zu den jahrelangen Wartezeiten wie in Deutschland kommt, weil man „nur“ einen Notendurchschnitt von 1,6 im Abitur hatte.
    Hier ( Ca ) hat ein Kind und ein Jugendlicher neben der Schule Zeit, auch seinen Hobbys nachzugehen, Freunde zu treffen oder auch einfach mal nichts zu tun. Bei den vollen Stundenplänen, die die Schulkinder in Deutschland haben mit den teiweise stundenlangen Hausaufgaben bleibt das Kindsein auf der Strecke. Das Spiel mit Anderen und damit das Erarbeiten der sozialen Kompetenz erscheint in Deutschland vor diesem Hintergrund fragwürdig.

    Kommt man hier mit einem Lehrer nicht klar, hat man die Möglichkeit des E Learnings, so dass man auch für einzelne Fächer Ausweichmöglichkeiten hat. In Deutschland ist man auf Gedeih und Verderb dem Lehrer ausgesetzt. Mein Mitllerer hat mal den Versuch in Kunst gestartet ( in D ) : Dasselbe Bild wurde am Anfang der Stunde mit einer 2 bewertet ( Lieblingsschüler ), am Ende der Stunde wurde es nochmals benotet, diesmal mit einer 4. Diesesmal erhielt die Note ein eher auf Krawall gebürstetes Kind.

    Um noch mehr zu objektivieren, werden hier ( Ca ) Provincials geschrieben. Mehrstündige Vergleichsarbeiten in der 10.ten Klasse in verschiedenen Fächern. Weichen die Ergebnisse stark von den bisherigen Noten ab, besteht Diskussionsbedarf. So hat man auch über diese Schiene die Möglichkeit, seine Stärken zu demonstrieren und ggf. bestehende Ungerechtigkeiten zu revidieren.

    Mobbing ist mir in Kanada bisher nicht begegnet, habe aber gehört, dass es vereinzelt stattfindet. In Deutschland ist es meinen Kindern ständig begegenet, sowohl durften sie selber die Erfahrung des Opfers machen, als auch Zeugen sein.

    In Deutschland habe ich im Kinderbereich gearbeitet, vorwiegend mit Kindern mit Migrationshintergrund. Meiner Erfahrung nach hatten die Kinder nur eine Chance im deutschen Schulsystem, wenn sie deutsch bereits vor Eintritt der Schule beherrscht haben. Es gab einzelne Auswüchse, in denen ausländische Kinder aus dem Kindergarten genommen wurden, da sie nach einem Jahr Kindergartenbesuch besser türkisch als deutsch gesprochen haben ( und die Kinder, die rausgenommen wurden waren nicht türkischstämmig ). Kinder mit deutsch als Fremdsprache, die erst später ins deutsche Schulsystem dazugestossen sind, wurden i.d.R. alleine gelassen, so dass sie meistens eine Schulform deutlich unter ihren Möglichkeiten besuchen mussten.
    Hier in Kanada werden die Kinder so lange wie von Ihnen erwähnt gefördert, bis sie dem kanadischen Englischunterricht wie jeder andere Kanadier auch folgen können. Mein Mittlerer gehört nach nur drei Jahren im Land laut den Vergleicharbeiten zum besten Prozent. Eine nahezu utopische Vorstellung für ausländische Kinder in vergleichbarer Situation in Deutschland.

    Alles in Allem kann ich mich Ihrer Meinung über das kanadische Schulsystem nicht anschliessen. Weder wurde jemals eine Information nicht gegeben, noch hatte ich jemals das Gefühl, dass meine Kinder nicht objektiv beurteilt würden. Sie lernen, schaffen es aber trotzdem das Leben nicht zu vergessen. Sie haben ihre Stärken und Schwächen, mit denen aber entsprechend umgegangen wird.

    Aufgrund der Berufssituation meines Mannes stand es kürzlich zur Debatte, zurück nach Deutschland zu gehen. Ein dreifacher Aufschrei meiner Kinder folgte: alles, nur nicht das.

    Mit freundlichen Grüßen
    Monika B.

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  • 3. April 2016 um 18:50
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    Super Ihre Analyse: im Zweifel in Deutschland studieren und dann wieder ins Ausland abhauen……

    Antwort
  • 3. April 2016 um 21:43
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    Nur weil die Bildungssystem der Angelsachsen vermurkst sind, bedeutet dies nicht, daß die Entwicklung des Verblödungssystems der BRD seit 68 positiv wäre oder der Zustand heute zu begrüßen. Noch 20 weitere Jahre unter der Fuchtel der Systemverbrecherparteien, in den Händen der Gender / Homo / Feminismus / Gleichmacher / Inklusionswahnsinnigen und selbst die Ausbildung an einer Mädchenschule in Afghanistan wird dagegen gut aussehen.

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  • 7. Juni 2016 um 13:56
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    Toll geschildert! Nach meinem Studium gedenke ich auch auszuwandern vielleicht Griechenland oder ein anderes wärmeres Land weil mir vor allem das Wetter hier zu schaffen macht.

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  • 29. Dezember 2016 um 16:24
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    Am Gymnasium werden die Lösungen schon mitgeliefert,auch wenn man 1 zu 1 abschreibt bekommt man eine 1!
    Alles in Allem kann ich mich Ihrer Meinung über das kanadische Schulsystem nicht anschliessen. Weder wurde jemals eine Information nicht gegeben, noch hatte ich jemals das Gefühl, dass meine Kinder nicht objektiv beurteilt würden. Sie lernen, schaffen es aber trotzdem das Leben nicht zu vergessen. Sie haben ihre Stärken und Schwächen, mit denen aber entsprechend umgegangen wird.

    Mfg Andre

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