Medien nach dem Trump-Sieg: Sendungsbewusstsein wie ein Kreuzzügler

Graffiti Den Bosch, Flickr Commons
Graffiti Den Bosch, Flickr Commons

Für mich ist der bleibende Eindruck dieser ablaufenden Woche, in der ein neuer US-Präsident gewählt wurde, ganz einfach dieser: Wir können uns auf die Massenmedien nicht verlassen. Sie bilden unsere Realität nicht mehr zuverlässig ab. Zwischen dem, was draußen im Lande passiert ,und der Beschreibung dieser Realität, liegen Welten.

Der enorme Abstand zwischen der Realität und ihrer Beschreibung geht aber nur zum Teil auf Nachlässigkeit und kaputtgesparte Redaktionen zurück, Redaktionen, in denen Reporter kein Geld mehr bekommen, um zu reisen und auch auf der Straße Fragen zu stellen. Ein Teil der Erklärung sind schlicht und ergreifend Propaganda, Lohnschreiberei und ideologischer Eifer.  Das sind drastische Vergehen gegen objektiven, agendafreien Journalismus, wie sie Webseiten wie die Propagandaschau, die NachDenkSeiten und Unzensuriert und viele andere medienkritische Blogs inzwischen täglich aufdecken.

Natürlich hat es davor schon viele Beispiele dafür gegeben, dass der Mainstream-Journalismus das Grundrauschen im Lande nicht mehr richtig wahrnimmt, oder wiedergibt, oder beides: Etwa, als die New Economy in den Himmel gelobt und die Gesetze der wirtschaftlichen Physik abgehakt wurden, frei nach dem Motto: in der digitalen Wirtschaft läuft sowieso alles anders, die Stein-und Ziegel-Industrie war einmal, jetzt gehorcht alles ganz neuen Gesetzen.

Firmen ohne Historie, ohne nachgewiesene Gewinne, ohne Geschäftsmodell und mit hohen Schulden
wurden über Nacht dank dicker Jubelberichte in den Zeitungen und Magazinen die neuen Superstars. Und Prominente lobten deren Aktien unter viel Tam Tam und Schlagzeilen in den Himmel. Und dann stürzte ab März 2001 das ganze Märchengebilde unter dem Zwang der (alten) Physik krachend ein.

Viele Menschen verloren hierzulande einen großen Teil ihrer Ersparnisse. Jetzt, bald 16 Jahre später, haben wir laut dem Deutschen Aktieninstitut immer noch ein paar Millionen Aktionäre weniger als damals im Jahr 2001. Und dieselben Journalisten und deren Zeitungen, die damals tatkräftig halfen, die Deutschen in die Aktien zu treiben, wollen sich daran nicht mehr erinnern. Sie behaupten jetzt in völliger Ignoranz der Vorgeschichte, die Deutschen seien einfach zu dumm, um richtig – sprich mehr in Aktien – zu sparen.

Oder vor der Finanzkrise 2008, als Amerikas Immobilienpreise in den Himmel schossen und an den Börsen Milliarden und Abermilliarden Dollar von Hypotheken, die nie an so viele kreditunwürdige Kunden hätten vergeben werden dürfen, in komplexe Derivate gebündelt, verpackt und mit falschen Bewertungen durch die Kreditagenturen versehen und unters gierige und ahnungslose Anlegervolk gebracht wurden. Ein paar wackelige Hypotheken in den USA, so hieß es damals (nachzulesen in meinem Buch „Lügenpresse“) könnten bei uns keine Rezession auslösen und schon gar nicht die Börsen zum Einsturz bringen.

Bei der Schengen-Erweiterung im Dezember 2007 wurden fast ausschließlich offizielle Quellen – zum Beispiel Innenminister Schäuble – zitiert, die versprachen: Es gibt endlose Bewegungsfreiheit, aber nicht mehr Kriminalität. Wenige Monate später musste der Spiegel – wie viele andere Publikationen in Deutschland – eingestehen: „Weniger Stau, mehr Klau.“

Und so hat sich das ständig bei wichtigen und großen Entwicklungen wiederholt, zuletzt in der sogenannten „Flüchtlingskrise“, bei der Kriegsflüchtlinge und wirtschaftlich motivierte Migranten rücksichtslos in einen Topf geworfen werden. Das Versagen wurde auch deutlich, als die GEZ-Sender zur Hauptnachrichtenzeit statt der dominierenden jungen Männer Familien mit Kindern zeigten und die Zeitungen abstritten, dass mit dem Strom der Migranten auch Kriminalität und Terror ins Land kommen, dass nicht der nächste Wirtschaftsboom hereinströmt, wie Daimler-CEO Dieter Zetsche vorhersagte, sondern ein Heer teils schwer, teils gar nicht integrierbarer Menschen kam, die mittelalterliche Wertvorstellungen haben, Andersgläubige als „Ungläubige“ bezeichnen und in den Frauen dieses Landes willige Huren oder billiges Fleisch sehen.

Vereinzelt haben sich Chefredakteure entschuldigt, manche haben – wie Handelsblatt-Geschäftsführer Gabor Steingart – eingeräumt, dass das Meinungsspektrum hierzulande auf „Schießschartengröße“ reduziert wurde. Seitdem wird Jagd auf kritische und andersdenkende Menschen gemacht, bis hin zu „Hausbesuchen“ durch die BILD und die Zensur-Brigaden des Bundesjustizministers.

Und stets bleibt im Publikum zum Teil oder ganz der Eindruck zurück, dass sich die Massenmedien dieses Landes vom Wachhund zum Schoßhund der Mächtigen gewandelt haben, dass sie einen geradezu kantschen Aufklärungs- und Erziehungstrieb ausleben und dass sie durchaus bereit sind, die Realität so lange und so willkürlich zu verbiegen, bis sie ins vorherrschende Narrativ past.

Genau das ist in den vergangenen Wochen auch passiert, als uns hierzulande weisgemacht wurde, dass Hillary Clinton so gut wie sicher diese Wahl am 8. November gewinnen würde. Noch am Wahltag selbst wurde in den Tagesthemen (bei Minute 12:40) ein Balkendiagramm gezeigt, demzufolge Clinton mit einer Wahrscheinlichkeit von 82 Prozent aus der Wahl als Siegerin hervorgehen würde. Den Rest kennen wir.

Und seitdem breiten die Leitmedien dieses Landes vor uns weiter unbeirrt ihre Geschichte vom bösen Trump mit seinen dämlichen Wählern aus, und der verhinderten Hillary, die alles besser gemacht hätte. Das Schlimmste daran ist, dass hier völlig gegen die Fakten und die Entwicklung weitergeschrieben wird, anstatt eine innere Einkehr zu beginnen und zu fragen: „Wie kam es eigentlich, dass wir keinen blassen Schimmer davon hatten, wie die Stimmung im betrübten, deprimierten und wirtschaftlich abgehängten Amerika wirklich ist? Und mit welchem Recht eine Bundeskanzlerin Angela Merkel Donald Trump über den Rechtsstaat belehrt, nachdem sie laut mehreren Staatsrechtlern mit ihrer Migrationspolitik Gesetze gebrochen hat, das wurde im deutschen Medien-Mainstream auch nicht hinterfragt.

Die US-Zeitungen stellen sich die Frage nach ihrem Versagen schon seit dem Tag nach der Wahl am Mittwoch. Wie haben wir das so falsch hingekriegt?, fragte die New York Times. Und der Medien-Kolumnist der Zeitung, Jim Rutenberg, gab zu, dass sich die US-Blätter mit kritischen und drängenden Fragen ihres „wütenden und sich betrogen wähnenden“ Publikums konfrontiert sehen. Der Chefredakteur des Blattes, Dean Baquet, belehrte sein Team, New York sei nicht der Mittelpunkt der Welt und die Journalisten sollten wieder mehr zum Recherchieren raus aufs Land gehen.

Derselbe Baquet hatte allerdings Ende September zu Protokoll gegeben, jetzt sei das „Goldene Zeitalter des Journalismus.“ Wegen ihrer vergleichsweise großen Resourcen seien die Zeitungen zudem in der Verantwortung, herauszufinden, was wirklich passiert.

Genau davon hat man aber in den Tagen seit der Präsidentenwahl bei uns kaum etwas gespürt. Es herrscht pures Insistieren vor, Beleidigung darüber, dass die US-Wähler anders gewählt haben, als es die deutschen Journalisten wollten. In den USA ist der wirtschaftliche Druck auf die Zeitungen ebenso groß wie hierzulande, wo zweistellige prozentuale Rückgänge bei verkaufter Auflage und Abos eher schon die Regel sind.

Doch in den USA hat eine Läuterung eingesetzt. Ob sie ernsthaft, dauerhaft und mit einem akzeptablen Ergebnis bestrieben wird, müssen wir abwarten. Aber in deutschen Redaktionsstuben sind vergleichbare Beichte, Einkehr und Selbstreflexion bislang völlig ausgeblieben. Hier dominieren die Arroganz und das Sendungsbewusstsein von Kreuzzüglern.

2 thoughts on “Medien nach dem Trump-Sieg: Sendungsbewusstsein wie ein Kreuzzügler

  • 12. November 2016 at 14:14
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    Das Problem ist sehr viel größer.
    Die Medien geben inzwischen eine Wirklichkeit vor, die wir mangels kritischer Medien nicht mehr hinterfragen können. Genau diese Hilflosigkeit unserer Öffentlichkeit wird instrumentalisiert, indem intrigiert wird. Gegen Orban, gegen Putin, und nun gegen Trump. Gestern berichteten die Medien in USA, daß Juncker sich an Trump gewendet hat, um ihn über die EU zu belehren. Kein Quatsch. „belehren“. Die amerikanischen Journalisten kommentierten dies irritiert und kritisierten sich in einer Sendung über die unangemessene Wortwahl. Hier in Europa: kein Wort davon. Trump wird gerade von der EU- Kommission angegriffen, ohne daß dies den Europäern bewußt sein kann. Denen wird später dann aber die Reaktion von Trump untergejubelt. Was also treiben unsere Medien wirklich?
    Das geht weit über das hinaus, was hier in diesem Artikel unterstellt wird.

    Noch ein kleines Zuckerl für diejenigen, die es interessiert: http://cnb.cx/2fgXKnc
    Op-Ed: Trump’s victory over Clinton was sealed 40 years ago

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  • 13. November 2016 at 10:01
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    Sie können machen was sie wollen, das Pendel schlägt nun zurück.
    Massiv!
    Und weder die Juncker dieser welt noch die Presselinken sollten sich wundern, wenn es sie wegfegt.

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