Auswandern und die deutsche Vergangenheit

Flickr Commons, darkday
Flickr Commons, darkday

Ich gehöre zu denjenigen, bei denen der Geschichtsunterricht mit dem Dritten Reich aufgehört hat. Irgendwie schwebte das Dritte Reich über uns allen und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie der Film Holocaust rauskam und für Aufruhr sorgte. Eltern wurden mit der Frage konfrontiert, was habt ihr gemacht? Während dem Studium bekam Anja Rosmus-Wenninger den Geschwister-Scholl-Preis für ihre Arbeit „Widerstand und Verfolgung. Am Beispiel Passau 1933-1939“. Was diese Frau über sich ergehen lassen musste, weil sie in der Vergangenheit gegraben hat, geht über keine Kuhhaut.

Irgendwie schon ironisch, dass Söhne und Enkel ehemaliger Nazi-Schergen jetzt als Gutmenschen auftreten und mit einem typisch deutschen Hang zu Perfektion und Übertreibung Andersdenkende als Nazis beschimpfen.

Naja, auf jeden Fall war es für uns „un-nationalistisch“ Denkende ein riesiger Kulturschock, als wir
1987 für ein Jahr in die USA gingen. Das war so ziemlich das größte Kontrastprogramm. Ob in der Werbung, in Reden oder wo auch immer kam das „proud to be American“. Selbst mein amerikanischer Onkel meinte an der einen oder anderen Stelle „wenn das so gut wäre, hätten wir es schon längst“.

Bei ihm konnte ich das noch irgendwie verstehen, dass er sich nicht gerne etwas von Deutschen hat sagen lassen, da er dabei war, wie das KZ in Dachau geöffnet wurde. Aber von jungen, gut ausgebildeten Amerikanern gefragt zu werden, ob Hitler immer noch so populär wäre, hat uns ziemlich die Sprache verschlagen. In Zeitungen, wie der Washington Post gab es immer wieder Artikel, wo wir Deutschen abgewatscht wurden und zuletzt stand „naja, vergiß nicht, aus Deutschland kommen Bach, Beethoven, Porsche und Mercedes!!!!“.

Während unserer Zeit in Washington, D.C. kam es auch zu der Weigerung der deutschen Regierung, die Hamadi-Brüder an die USA auszuliefern. Im Fernsehen erklärte keiner die Position der Deutschen, nein, man bekam die tränenüberströmte Mutter von dem ermordeten US Passagier zu sehen…

Am nächsten Tag wurden wir regelrecht von den Amerikanern im Büro „überfallen“ und entrüstet gefragt, wie wir so etwas zulassen könnten! Markus wurde auch zu der Iran-Contra Affäre mit Oliver North befragt und als er meinte, der Mann hätte das Parlament und sein Volk belogen, waren sie ganz entrüstet. In den Augen der Amerikaner war er ein Held, der lediglich das getan hatte, was getan werden musste!

Es gibt eben nur eine „richtige“ Sichtweise in den USA. Wie heißt es immer so schön: „you are either in or out“. Nestbeschmutzer mag man nicht. Und dann ist da noch die Nationalhymne und die Flagge bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Für einen Deutschen, der noch nicht einmal den Text der Nationalhymne auswendig kennt, schon grenzwertig.

Nach dem Jahr in den USA waren wir uns beide einig, dass zu viel Nationalismus blind macht. Der Unterschied zwischen Russen und Amerikanern war für uns der, dass die Russen wussten, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen werden, die Amerikaner nicht.

Fast 10 Jahre später zogen wir dann nach Malaysia und machten uns schon auf das ewig schlechte
Gewissen gefasst. Das allerdings blieb zu unserer Überraschung aus. Warum? Die Japaner haben im 2. Weltkrieg ganz Asien überrollt, ausgeraubt, gemordet und massenhaft vergewaltigt. Von dieser Orgie, über die wir im deutschen Geschichtsunterricht nichts gehört hatten, zeugen heute Museen bis runter nach Singapur. In Asien interessieren sich viele nicht übermäßig für das, was in dieser Zeit in Europa lief. Die Engländer und Franzosen verließen ihre Kolonien ganz schnell bei dem Vormarsch der Japaner und kamen erst nach dem Krieg wieder zurück. Das hat man ihnen schwer verübelt.

Japan hat seine Taten, wie zum Beispiel das Massaker von Nanjing, im 2. Weltkrieg nie zugegeben und versucht noch heute seine Geschichtsbücher „reinzuwaschen“. Das bringt immer wieder Spannungen zwischen China und Japan. Erst vor kurzem hat sich Japan bei den koreanischen „Trostfrauen“ für die Zwangsprostitution im 2. Weltkrieg entschuldigt. Autoren wie Sterling Seagrave behaupten, dass die Japaner nie zur Rechenschaft gezogen worden sind, weil sonst amerikanische Banken ihre japanischen Kredite hätten abschreiben müssen. Es ist kaum zu verstehen, wieso die Amerikaner Deutschland und Japan so unterschiedlich behandelt haben. Ein Grund wird sicherlich gewesen sein, dass die Amerikaner ganz heiß auf deutsche Patente und Wissenschaftler gewesen sind.

In Asien ist man allgemein als Deutscher hoch angesehen, wegen unserer Wirtschaftsleistung.

Auf den 11. November, dem „Rememberance Day“, in Kanada waren wir dann überhaupt nicht vorbereitet. Unsere Tochter, inzwischen in der 3. Klasse, musste sich anhören, dass Deutsche böse Menschen sind, es allerdings Ausnahmen wie sie geben würde?! In Kanada, wo man doch sonst immer „politically correct“ ist, ist es vollkommen ok, dass wir Deutsche an jedem 11.11. abgewatscht werden.

Die meisten wussten nichts mit dem Datum anzufangen, nur dass die Deutschen am 1. Weltkrieg die alleinige Schuld haben. Allerdings war ich etwas irritiert, denn so viel wusste ich noch aus der Schule, dass die „Schuldfrage“ des 1. Weltkriegs gar nicht so eindeutig war. Ich besorgte mir das Buch von Jacob Ruchti/Helmuth von Moltke mit dem Title „Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges“. Dort steht so gut beschrieben: In der Geschichtsbetrachtung des 20. Jahrhunderts verschwinden die englischen und amerikanischen Impulse im Nebel des Harmlosen, Undurchdringlichen; dagegen werden Handlungen anderer Mächte zu den eigentlichen  „bösartigen“ aufgebauscht, auch wenn sie eigentlich nur Reaktionen waren oder einen Käfig ausmaßen und durcheinander brachten, der von britisch-amerikanischen Wärtern zurechtgezimmert worden war.“

Amerikanische und Britische Kriegsfilme laufen ja überwiegend immer nach dem gleichen Muster ab.

Einige Jahre schaute ich mir am 11.11. die Ansprachen in der Schule und das, was von den Lehrern gesagt wurde, an. Es wurde nie darauf hingewiesen, dass der Krieg schon sehr lange zurück liegt und dass Deutschland inzwischen ein Freund Kanadas sei. Die Geschichte wurde nicht in den Zusammenhang gestellt, sondern es wurde einfach fröhlich auf uns rumgehackt. Man stelle sich vor, das wäre mit einer anderen Völkergruppe passiert, da wäre der Aufschrei groß gewesen. Aber wie immer schlucken wir Deutsche das.

Dann kam allerdings eine Schulveranstaltung mit einem Kriegsveteran. Auf die Frage eines Kindes, wie seine Beziehung zu Deutschland heute sei, meinte er „ich hasse sie immer noch“. Was mich allerdings sprachlos machte war, dass der Schuldirektor nicht eingriff und es zuließ, dass das vor der gesamten Schule so einfach stehen gelassen wurde.

Daraufhin haben wir mit einigen deutschen Eltern einen Brief an das Bildungsministerium geschrieben, mit der Bitte, dass man am 11.11. doch darauf achten möge, dass der Bezug zur Geschichte hergestellt wird. Deutschland hat für seine Taten die Verantwortung übernommen und sei inzwischen ein Freund Kanadas. Unsere Kinder haben nun überhaupt nichts mehr damit zu tun und Pauschalurteile wie Deutsche seien böse, sind nun wirklich nicht angebracht.

Zurück kam eine wischiwaschi-Antwort, aber um unsere Kinder vor weiteren solchen Erfahrungen zu schützen, bin ich mit unserem Schreiben und der Antwort des Ministeriums zum jeweiligen Schuldirektor gegangen. Viele von unseren kanadischen Freunden waren sich gar nicht darüber bewusst, wie das bei Deutschen ankommt. Wenn man das das ganze Schulleben über hört, dann fällt einem das gar nicht mehr auf. Es ist sicher von Schule zu Schule unterschiedlich, aber unser Erfahrungsaustausch mit anderen Eltern bezog sich auf einige Schulen.

Nachdem wir nun wieder hier sind und letztes Jahr hören mussten, dass Griechenland wieder auf Deutschland und dem 2. Weltkrieg rumhackt, wünscht man sich, dass es in Deutschland mal zu einem Schlussstrich kommen würde. Ja, der ehrliche und ernsthafte Versuch, die Gräuel nie wieder geschehen zu lassen und an die schlimmen deutschen Verbrechen zu erinnern, aber auch daran zu denken, was man davor und seitdem geleistet und in der Welt geholfen hat. Und dass man sich nicht bis in alle Ewigkeit moralisch erpressen lassen muss.

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Auswandern und die deutsche Vergangenheit

  • 20. März 2016 um 17:24
    Permalink

    „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat“- Voltaire

    Deutschland wird solange nicht zu einem Schlußstrich in der Betrachtung seiner Geschichte kommen, solange diese nicht wirklich ehrlich aufgearbeitet wird. Hinweise auf die unehrliche Aufarbeitung findet man sogar im Mainstream, wenn auch gut versteckt. Vor Jahren lief eine Doku auf N24 unter dem Titel „Geheimakte Rudolf Heß“ (auf Youtube zu finden). Die dort dargestellten Ereignisse, zum grossen Teil ausgegraben von einem britischen Historiker, werfen ein etwas anderes Licht auf die Entstehung und den Verlauf des WK II.
    Hierzu sei auch das Buch „Der Krieg der viele Väter hatte“ von Gerd Schulze-Rhonhof empfohlen. Wem das Lesen zu lang ist, findet einen interessanten Vortrag von ihm auf der Seite der AZK Konferenz. Es gäbe and dieser Stelle noch mehr aufzulisten, was die Rolle Deutschlands in einem anderen Licht als in den Geschichtsbüchern dargestellt, erscheinen lassen würde. Vieles von dem ist allerdings mit deutscher IP gar nicht aufzufinden.
    Die offizielle Darstellung deutscher Geschichte bedarf des gesetzlichen Schutzes durch den Paragraphen 130, um in Stein gemeißelt zu bleiben. Die Wahrheit muss nicht gesetzlich geschützt werden, wenn sie doch die Wahrheit ist…
    Wie soll sich da ein Volk unabhängig von einer „Erbschuld“ machen? Alles, was Deutschland seit 1945 abverlangt wurde und wird, baut doch auf dieser „Erbschuld“ auf!
    Kein Grieche kommt auf die Idee, mal in den eigenen Geschichtsbüchern nachzuschauen, wer am 28.10.1940 sein Land überfallen hat! Muss er ja auch nicht, die Schuld Deutschlands ist so klar wie der Himmel blau ist.

    Kein Amerikaner, mit dem ich über Nationalstolz rede, versteht, wieso man ein Nazi ist, wenn man sagt „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“. Von den deutschen Soldaten des WK II spricht man hier in den USA mit Respekt und äußert Unverständnis darüber, dass man in Deutschland über sie als Verbrecher spricht.
    Und vielen Amerikanern ist auch klar, dass sich ihr eigenes Vaterland nicht mit Ruhm bekleckert und bekleckert hat mit den vielen geführten Kriegen und den Millionen von Toten.
    Diejenigen, die das nicht so sehen, bekommen von mir regelmäßig eine Buchempfehlung: Thomas Goodrich „Höllensturm“. Teile dessen, was Goodrich da beschreibt, war neulich sogar im ZDF zu sehen: „Die Verbrechen der Befreier“ hiess die Doku.

    Nein, es geht in meinem Kommentar nicht darum, die Nazi-Dikatur zu verteidigen oder irgendetwas zu beschönigen. Systeme, die die Meinungsfreiheit einschränken, die eine Gleichschaltung des Denkens anstreben, die die Bürger bespitzeln, niedergeschriebene Gedanken (Bücher) verbrennen oder aus dem Handel verbannen, wo Andersdenkende bedroht und eingeschüchtert werden, wo man für die „falsche Meinung eingesperrt werden kann, so wie es im 3.Reich üblich war, sind mir zuwider. Man kann an dieser Aufzählung leicht erkennen, wieviel das heutige Deutschland mit dem 3.Reich gemein hat.

    Es geht mir um die Wahrheit, es geht um Ehrlichkeit, auch in der Geschichtsschreibung. Solange die Wahrheit unterdrückt wird, auch und vornehmlich von den eigenen Politikern, solang gibt es keine Chance für Deutschland, die „Erbschuld“ gegen ein neues Selbstbewusstsein einzutauschen.
    Und solange werden uns die „Guten“ unsere „Erbschuld“ bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit um die Ohren hauen.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.